Fichkona 2010 - wir wollen baden fahren
Bereits im Winter stellte sich für uns die Frage: was macht man im Sommer?
In der Hoffnung, dass es warm werden könnte, bot sich baden fahren an die Ostsee förmlich an - doch womit?
Auto und Bahn sind langweilig - mit dem Fahrrad wäre es ziemlich weit.
Also mal geschaut, ob sich Mitstreiter finden.
Im Internet stößt man auf eine Veranstaltung, die sich "Fichkona" nennt, dort haben gleich 180 Leute die gleiche Idee.
Start ist zwar am Fichtelberg, in der entgegengesetzten Richtung von Berlin, aber was tut man nicht alles für die Gemeinschaft.
Das Höhenprofil gefällt mir auch: von 1214 Metern auf 30 Metern hinab, über 600 Kilometer lang.
Einziger Haken: damit man noch Zeit zum Baden hat, wird die Strecke nonstop gefahren und in spätestens 27 Stunden sollte man da sein.
Aber es geht ja bergab, also schnell gebucht.
Drei Wochen vor dem Starttermin kommt die Erinnerung: es ist jetzt bald soweit - habt ihr genug trainiert?
In gekonnter Manier ignoriere ich die Mail, aber dann ist der 26.6 doch da.
Kneifen ist blöd, wir finden uns mit Radsachen und Rad um 9.00 Uhr auf den Fichtelberg ein.
Dort scharren schon unsere Mitstreiter mit ihren Schuhen, fünf Frauen sehe ich auch.
Fast alle sind mit dem Rennrad da, aber es sind auch Exoten wie Mountainbikes mit Stollenreifen und ein Tandem dabei.
Die Stunde bis zum Start wird zum Mut machen genutzt, die Jungs rechnen ihre hunderte Trainingskilometer vor.
Wie haben die das geschafft?
In Berlin hat die Klimaerwärmung für einen Eispanzer gesorgt - wie sollte man da fahren?
Ich rechne meine Pilates-, Yoga- und Ergotherapiestunden zusammen und rede mir ein, das Fahrradfahren als Trainingsmethode überbewertet wird.
Powerhouse aktivieren und dann wird das schon.
Dann ist es so weit, alle stürzen sich mit 60 Sachen den Berg hinunter - ich versuche möglichst vorne zu bleiben um vom Pulk nicht überfahren zu werden.
180 Radfahrer auf der engen Straße sind doch etwas risikoreich.
Bloß nicht abhängen lassen soll ab jetzt mein Leitspruch sein.
Die Abfahrt ist toll, doch leider irgendwann vorbei.
Hier offenbart sich mein erster Trugschluss: der Fichtelberg liegt im Erzgebirge.
Gebirge bestehen aus vielen Bergen, leider liegt der Fichtelberg fast in der Mitte des Gebirges. Also geht es wieder bergauf.
Alle schalten auf das kleine Kettenblatt, ich will es eigentlich auch - geht aber nicht. Der Umwerfer ist kaputt.
Die Berggeister halten mich fest, als wollten sie sagen: heh, du warst doch erst eine Nacht hier, bleib - mach Urlaub.
Doch ich kann ihnen entkommen. Ich kämpfe mich hoch.
Hilfreich sind auch die Fanclubs der Mitfahrer, die mit Plakaten und Klatschen jeden anfeuern.
In der ersten Pause werden die Gruppen getrennt: 30 Leute wollen den Rekord brechen und fahren schnell weiter, auch die Gruppe vier verweilt noch.
Dann kommt schon Chemnitz, eine Stadt, die nur aus roten Ampeln zu bestehen scheint.
Wir haben keine Polizeieskorte, die uns die Straßen freihält - also stoppen, anfahren, stoppen.
Nach einer 15 Minuten Pause wird noch mal geteilt. Unsere Gruppe zwei ist die größte mit ca. 70 Fahrern, wir wollen unter 24 Stunden bleiben.
Noch schnell Trinkflaschen auffüllen, Bananen und Kuchen in sich reinstopfen - dann geht es weiter.
Sogenannte "Ausläufer" bestimmen jetzt das Landschaftsbild.
Die Zahlen 6, 8, 10 % an den Straßenschildern sind nicht die von mir erhofften Gefälle, sondern Steigungen.
Ich nehme sie mit dem großen Kettenblatt, die Jungs staunen drüber und wollen mir Schalttipps geben.
Schnell erkläre ich mein Problem.
Es wird anstrengender, doch ich werde nicht allein gelassen, Mitstreiter lassen sich zurückfallen und ich kann in ihrem Windschatten die Gruppe erreichen.
Einmal falle ich beim Anstieg fast vom Rad, es geht nichts mehr.
Da kommt eine helfende Hand aus dem Auto neben mir an meinen Po und ruft im schönsten sächsisch:
"Halt deinen Lenker fest Kleine, wir schieben dich ran".
Nein, die Berge und ich werden definitiv keine Freunde, nicht mal bei Facebook.
Dann wird es besser, weil flacher. Inzwischen bin ich in der Gruppe als Frau bekannt, die die Berge mit großem Kettenblatt hochfährt – auch eine Art Legendenbildung.
Eine lange Strecke kann man mit zwei Methoden fahren: entweder immer wieder Gas geben und dann ausruhen oder stetig das gleiche Tempo fahren.
Unsere Gruppe kann sich nicht für eine Variante entscheiden, daher wird es ein unruhiges Tempo.
Aber meckern hilft nicht, wenn es nicht passt muss man es besser machen.
Ich beschließe daher, weiter vorne zu fahren, dort schlägt der Ziehharmonikaeffekt mit seinem Wechsel aus Beschleunigen und Bremsen nicht so zu.
Die Geschwindigkeit pendelt sich zwischen 32 und 38 km/h ein.
Ich fahre im vorderen Bereich, das Tempo liegt mir.
Auf dem Weg nach Potsdam kommt man ins Gespräch mit den Mitfahrern, es sind aus allen Gegenden Leute dabei - Schweizer, Österreicher und fast alle Bundesländer sind vertreten.
Inzwischen bin ich nur noch die einzige Frau in der Gruppe zwei, welches von den Männern mit Anerkennung honoriert wird.
In Michendorf sind 268 km geschafft, wir bringen unsere Beleuchtung an.
Nur noch 350 km...
An der Verpflegungsstelle schiebe ich mir wahllos Salat, Brötchen, Riegel in den Mund - Hauptsache schnell und viel.
Eine Polizeieskorte führt uns dann durch Potsdam - fussballtrunkende Passanten sind überrascht und greifen spontan zu ihren Krachinstrumenten um uns anzuspornen.
Schnell ist Oranienburg erreicht - dazwischen eine psychologische Herausforderung:
ein Straßenschild - Berlin 2 Kilometer. Bett, Dusche, Schlaf zum Greifen nah.
Aber wer will schon aufgeben? Ich nicht - weiterfahren.
Jetzt beginnt der Teil der Landschaft, den Geologen als Endmoräne bezeichnen.
Auch hier verwirrt die Namensgebung - zwischen den Tälern reihen sich Hügel.
Man kann sich das als eine Art riesige Perlenkette vorstellen.
Die Methode des schnellen Heraufkommens, um dann den Schwung der Abfahrt für den nächsten Hügel zu nutzen, scheitert an der unterschiedlichen Größe der Perlen.
Hoch, runter, hoch – und treten, treten. Der Begriff der Unendlichkeit erschließt sich mir.
Inzwischen ist es Nacht. Was am Tage angenehm war, nämlich keine Wolken, wird jetzt zum Fluch.
Es ist kalt, sehr kalt!
Ein Glück, dass ich drei Shirts und die lange Hose auf der letzten Rast angezogen habe.
Der Mond scheint rund und hell, in den Niederungen liegt der Nebel - eine wunderschöne Stimmung.
Es ist ruhig geworden, man hört nur noch das Schnurren der Räder.
Der nasse, kalte Nebel kriecht langsam in die Kleidung und verhindert das Müde werden.
Zum Schwatzen finde ich jetzt keinen mehr.
An den Verpflegungsstellen trinke ich Brühe und Suppe - alles Süße verweigert mein Körper.
Die Gruppe hat sich eingespielt, vorne klappen die Wechsel - allerdings nur mit den ersten 16 Leuten.
Mein Versuch mich zurückfallen zu lassen und im Zentrum ein bisschen einzukuscheln klappt nicht, nach kurzer Zeit werde ich wieder nach vorne geschoben.
Dabei haben die Jungs doch gar nichts von meinem Windschatten – bei meiner Größe sorge ich höchstens für Luftverwirbelungen.
Was solls, so kann man wenigstens die Geschwindigkeit mitbestimmen.
Dann kommt die Morgendämmerung , 507 km sind vorbei, die Sonne geht auf und bald sind wir vor Stralsund.
Hier dürfen wir dieses Jahr die neue Rügendammbrücke überqueren.
Eigentlich für Radfahrer verboten, ist eine Spur nur für uns abgesperrt.
Die Anfahrt ist steil, der Versuch, wie im Pilateskurs gelernt mein Powerhouse mit Hilfe der Bauchmuskeln zu aktivieren wird von meinem leeren Magen geschickt verhindert.
Egal, ich schaffe es auch so und wir erreichen Rügen. Noch eine letzte Pause, dann trennen uns nur noch 40 Kilometer vom Ziel.
Auch Rügen ist nicht flach, aber die Hügel fallen jetzt leichter.
Das Tempo wird schärfer, jeder will nur noch schnell ankommen.
Dann ein langes, langes Stück Kopfsteinpflaster - viele rasen an mir vorbei.
Hätte ich mal mehr gegessen, aber die letzten 15 Kilometer will ich schaffen - nach einem Stückchen allein holen mich zwei Mitstreiter ein.
Wir beschließen zusammen zu bleiben.
Der Schweizer hinter mir fragt mich, woher ich die Kraft nehme. „Womenpower eben“ lache ich ihn an.
Der Leuchtturm ist zu sehen und wir erklimmen den letzten Anstieg. Zu dritt unter dem Beifall der Anwesenden fahren wir über die Ziellinie.
Nach knapp 23 Stunden.
Geschafft. Gemeinsam.
Alleine baden fahren wäre ja auch total langweilig.
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620km
2200 Höhenmeter
22:45, 22:58 Stunden
durchschnittlich 31 km/h
Verbrauch ca. 15000 kcal
5 - 27 Grad Celsius
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Antje